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Der tratschende Trauerzug

Beerdigung, Trauerfeier um 13:00. Der Arbeitsablauf am Vormittag muß gestrafft werden, denn es muss pünktlich gegessen werden. Vorher umziehen hat man nicht mehr geschafft, also ist Eile geboten.
Hoffentlich ist das Essen nicht so heiß, es muß herunter geschlungen werden. Nachtisch bleibt stehen. Und nun in den schwarzen Anzug: schon ein bißchen eng um den Bauch, und die weißen Fusseln! -
ein einigermaßen weißes Hemd und der schwarze Schlips, eine Stelle suchen, die noch einigermaßen aussieht und daraus einen ordentlichen Knoten binden. Und die schwarzen Schuhe! -
Letztesmal nach der Beerdigung gleich in den Schrank gestellt, muss nochmal gehen, wird wohl keiner hingucken. Mantel ? Gibt´s Regen, oder ist es zu kalt? Nun aber los!
Autos sind heutzutage ja flott. Aber wohin?
Gleich zum Friedhof oder zum Lokal?
Ist die Zeit knapp, direkt zur Kirche.
In der Bahnhofstraße nicht den Trauerzug behindern, in der Lindenstraße die Parkscheibe nicht vergessen, vorm Thomashaus nicht die Füße verknicken, ---
Bei der Kapelle ist der Parkplatz voll, nach Ludwigslust oder einfach an der Straßenkante parken?
Beim Gang zur Kirche trifft man andere Trauergäste. Thema: natürlich die Geschichte des Verstorbenen, aber auch das Wetter, die Ernte, die Politik oder auch die Schweinepreise. Hut abnehmen, den Namen leserlich in die Kondolenzliste schreiben, einen freien Platz bei Bekannten suchen, kopfnickend durch die Bank gehen, stehend ein stilles Gebet nicht vergessen und dann hinsetzen. Jetzt folgt die mehr oder weniger intensive Begrüßung der Nachbarn durch Zunicken, durch Handschlag oder auch ein kleines, gedämpftes Schwätzchen.
Am Schluß der Trauerfeier wird der Sarg mit Orgel-
geleit aus dem Gotteshaus getragen.
Die Gemeinde hat sich erhoben, der Pastor folgt dem Sarg, dann die Trauernden und Angehörigen.
Haben diese alle die Kirche oder Kappelle verlassen, kann man endlich wieder miteinander reden. Während wir uns mehr oder weniger gemächlich zum Ausgang drängen, begegnen wir vielen Bekannten. Wieder grüßen, wieder ein kleiner Plausch.

Und weil die Orgel ja immer noch orgelt, wird auch schon etwas lauter kommuniziert. Draußen geht es dann besser. Durch geschicktes
Einordnen in den Trauerzug findet jeder einen ordentlichen Mitläufer. Während vorne in würdigem Schweigen des Verstorbenen gedacht
wird, plätschern weiter hinten die Gespräche. Diese verstummen kurz wieder, wenn der Sarg in die Gruft hinabgelassen wird.
In Stille verharrt die Trauergemeinde bis die Angehörigen an die Gruft getreten sind, und wendet sich dann ab, um nach Hause oder
zum Lokal zu wandern.
So habe ich Beerdigungen erlebt, die ich in 45 Jahren in Hohenwestedt begleitet habe.
Und jetzt sitze ich im Kirchenvorstand und höre Beanstandungen von engagierten Kirchenvorstehern, Pastoren und dem Kirchenmusiker.
Mein bisher übliches Verhalten ist unbefriedigend. Vom Betreten der Kirche bis zum Ende der Trauerfeier am Grab ist Gottesdienst
und sollte dem Gedenken an den Verstorbenen und des Todes dienen. Und das sollte man durch würdiges Stillesein zeigen.
Ob wir das schaffen?

von Hans Röper


 

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